21. Februar 2015

"Sonne für Latzel"

Ein Interview mit Peter Erlanson zur Auseinandersetzung um die Äußerungen von Pastor Latzel (Bremen).

Aber ...? Peter, Du hast in dem buten un binnen-Interview gesagt, dass man/frau diesem Pastor Latzel dankbar sein sollte? Wie hast Du das gemeint?

Peter Erlanson: Natürlich bin ich, wie andere auch, über diese intolerante und durchaus auch Hass erzeugende Predigt entsetzt.

Sylla Kahl: Aber ...?

Peter Erlanson: Diese Predigt gibt gerade in heutiger Zeit Denkanstöße.
Damit meine ich: Alle Welt redet über den Extremismus des IS, alle Welt redet über den Extremismus der im Islam entsteht. Und siehe da: Jetzt haben wir den Extremismus vor der Nase in Bremen und von einem evangelischen Pfarrer! Und der ist ja kein Einzelfall in der Christenwelt! Denken wir an die Evangelisten in den USA die Abtreibungskliniken angreifen, oder die Paulus-Gemeinde in Bremen, die Homosexualität als Krankheit bezeichnet. Da sind die Missbrauchsfälle in den Orden und Erziehungsanstalten der Katholiken...

Sylla Kahl: Du siehst da also Parallelen zwischen den Religionen?

Peter Erlanson: Ja. Aber vielleicht sollten wir erst einmal die Grundlagen klären.

Sylla Kahl: Und die wären ...?

Peter Erlanson: Ich bin Religionspolitischer Sprecher der Linksfraktion, tue das allerdings von einem atheistischen Standpunkt aus.

Sylla Kahl: Du glaubst also nicht an Gott, ein Leben nach dem Tod, ein Paradies...

Peter Erlanson: Nein,nein keine Hölle und auch kein Paradies mit oder ohne Jungfrauen...
Ich kämpfe aber für ein Paradies auf Erden, mit dem neuen Himmel, der neuen Erde und „das neue Jerusalem das vom Himmel auf die Erde herab kommt“ - einmal biblisch ausgedrückt.

Sylla Kahl: Ganz schön bibelfest für einen Atheisten!

Peter Erlanson: Nun, wer sich auf die abendländische Tradition beruft, kommt an der Bibel aber auch am Kapital nicht vorbei.
Nun aber zurück zu den Parallelen. Die Parlamentskollegin Zahra Mohammadzadeh hat bei der Entschließung des Parlaments zu den Morden in Paris eine ganz mutige Rede gehalten. Sie bemerkte:
„Wer sagt, dass der gewalttätige Islamismus nichts mit dem Islam zu tun hat, das wäre als würde man behaupten, dass die Kreuzzüge, die Inquisition, die Hexenverbrennungen nichts mit dem Christentum zu tun hätten“.

Sylla Kahl: Du meinst also Gewalttätigkeit als Gemeinsamkeit der Religionen?

Peter Erlanson: Ja auch, aber ich sehe das noch grundsätzlicher.
Das Christentum und der Islam werden allgemein als monotheistische Religionen charakterisiert. Für beide gibt es einen einzigen und ausschließlichen Gott. Monotheismus bedeutet also Exklusion.
Weder Allah noch Jahwe mögen Götter neben sich. „Zerhacke! Verbrenne!“ wie es Pastor Latzel hasserfüllt in seiner Predigt hervorgestoßen hat - ist den beiden Quelltexten nach, nämlich Koran und Bibel vielleicht nicht folgerichtig, aber möglich!

Sylla Kahl: Pastor Latzel hat also recht, er bezieht sich nur auf seine Schrift! Gefährdet das aber nicht unser friedliches Zusammenleben? Könnten dann nicht Christen und Muslims aufeinander losgehen, wenn sie nur ihre Schriften genau lesen würden?

Peter Erlanson: Ja und Nein. Innerhalb dieses grundsätzlichen Monotheismus im Christentum und im Islam gibt es immer wieder unterschiedliche Strömungen und Interpretationen. Es gibt Menschen, die einem monotheistischen Glauben anhängen, aber trotzdem tolerant, ja sogar neugierig gegenüber anderen Glaubensrichtungen sind. In der Geschichte hat es jedoch immer wieder auch die militanten und fanatischen Monotheisten gegeben.

Sylla Kahl: Was ist zu tun?

Peter Erlanson: Aufklären natürlich, aber es gibt eine praktische Lösung und die steht in unserer Verfassung! Da ist nämlich in Art. 4 von Religionsfreiheit die Rede. Die Religionsfreiheit des Grundgesetzes meint nicht nur die Freiheit der eigenen Religionsausübung, sondern die Freiheit jede Religion ausüben zu können, solange Dritte davon nicht berührt werden. Das Zauberwort in unserer Verfassung, unserer Demokratie, heißt also Toleranz.
Aus meiner atheistischen Position ist es mir schnurzegal, ob Allah oder Jahwe Götter neben sich dulden! Ich erwarte allerdings von den Vertretern der Religionen, dass sie sich tolerant gegen einander verhalten.Sie sollen sich achten und nicht militant missionieren! Und da widerspreche ich Pastor Latzel ganz deutlich. Er hat in seiner Predigt eben nicht nur sein eigenes Haus „gereinigt“, er hat die anderen Religionen herab gewürdigt und ausdrücklich auch vor Vermischung und zuviel Toleranz gegenüber den anderen gewarnt.

Sylla Kahl: Aber er hat sich doch entschuldigt.

Peter Erlanson: Ja, er hat sich für seine überschießenden Emotionen beim „Zerhacke! Verbrenne!“ und den Herabwürdigungen gegenüber den Hinduisten und Buddhisten entschuldigt. Er hat nichts von seinem exklusiven Monotheismus und seiner Warnung vor Vermischung und Toleranz zurück genommen. Im Gegenteil. Er hat explizit darauf bestanden.
Auch der Vorstand und die Gemeinde stehen scheinbar geschlossen hinter Latzel und bedanken sich für „die klare, bibelorientierte Wortverkündigung ihres Pastors“. Der Gemeindevorstand hat zudem verkündet: „Wie aus der Bibel, den altkirchlichen Bekenntnissen und den Schriften der Reformation hervorgeht, kann der Gott der Bibel nicht der Gott des Korans sein. Das Feiern gemeinsamer Gottesdienste oder Gebete mit Imamen oder Vertretern anderer Religionen ist daher nicht möglich.“

Sylla Kahl: Das bestätigt ja Deine These vom fanatischen Monotheismus.

Peter Erlanson: Ja. Aber viel wichtiger ist mir, wie brandgefährlich das ist, was dieser Pastor und seine Gemeinde da tun. In Zeiten, wo Menschen in Deutschland aus Angst vor sozialem Abstieg gegen eine (eingebildete) Islamisierung des Abendlandes auf die Straße gehen, während ja gleichzeitig von islamistischen Fanatikern ganze Landstriche gewalttätig islamisiert werden- da zündeln solche Fanatiker wie dieser Latzel! Das ist gefährlich und unverantwortlich.

Sylla Kahl: Sollte also die evangelische Kirche gegen diesen Pastor einschreiten?

Peter Erlanson: Zum einen scheint das ja nicht zu funktionieren und zum anderen prüft ja die Staatsanwaltschaft. Ich glaube das wichtigste ist, dass sich die Gesellschaft damit aus einander setzt und Position bezieht.
Ich bin der Meinung, dass, wenn in unserer heutigen Zeit wieder Kriege und Unterdrückung im Namen der Religionen geführt werden, dann muss man auch nach dem Wesen der Religionen fragen.

Sylla Kahl: Also die letzten Fragen?

Peter Erlanson: Ja und Nein. Die letzten Fragen des Woher, des Wohin, des Sinns werden zwar auch von den Religionen beantwortet, man/frau könnte sie heute jedoch ganz philosophisch/ materialistisch abhandeln.

Sylla Kahl: Das heißt?

Peter Erlanson: Die Entstehung von Leben aus toter Materie auf dem Planeten Erde z.B. ist wissenschaftlich dem Prinzip nach geklärt. Daran ändert auch das öffentliche Erstarken der Anti-Evolutionisten (Kreationismus) nichts.

Sylla Kahl: Aber hilft wissenschaftliche Erkenntnis den Menschen?

Peter Erlanson: Mindestens zum Teil. Wenn Kant Aufklärung als „Ausgang aus selbst verschuldeter Unmündigkeit“ bezeichnet, dann ist wissenschaftliche Erkenntnis ein wichtiger Schritt dabei. Allerdings z.B. die Angst vor dem Sterben, dem Tod - da hilft wissenschaftliche Erkenntnis meist nicht viel. Da ist dann Religion gefragt. Denn Religion hat auch immer etwas mit Hoffnung zu tun. Im Kleinen hofft man/frau den Tod dann doch noch zu überwinden. Im Großen eher die verzweifelte Hoffnung, die nicht nach vorne gerichtet ist, sondern eher zurückgebunden(religio von religare) an einen göttlichen Urgrund aus dem die Menschen kommen und auch wieder gehen. Die Erlösung kommt im Jenseits, die Gegenwart ist unveränderbar, es gibt keinen Fortschritt - nur der immer gleiche Anfang und Ende („Ich bin das Alpha und das Omega, der Anfang und das Ende“). Der marxistische Hoffnungsphilosoph Ernst Bloch war der Meinung, dass das Beste an den Religionen ihre Ketzer wären! Denn die Ketzer waren meist die Menschen, die gerade im und durch das Göttliche die Gegenwart verändern wollten und nicht auf den St.-Nimmerleinstag-Tag im Jenseits warten wollten. Und da die monotheistischen und patriarchalen Religionen des Judentums, des Christentums und des Islams im Laufe ihrer Existenz in ihrer Mehrheit staatstragend bzw. staatsbildend (siehe heute IS) wurden, waren die Ketzer die Opposition, die Reformer, die Revolutionäre gegen das Bestehende.

Sylla Kahl: Aha, jetzt kommt das Opium des ollen Marx!

Peter Erlanson: Oh, ja dieser unsägliche Halbsatz vom Opium ...

Sylla Kahl: Nun mach es nicht so spannend!

Peter Erlanson: Dieser Halbsatz war in der Auseinandersetzung immer gut, um den Kontext in dem er steht, auszublenden. Marx hat sehr klar den Doppelcharakter der Religionen hervor gehoben. Ihm war sehr klar, dass die Religion „in einem der Ausdruck des wirklichen Elends und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend“ ist. Die Religion als „Seufzer der bedrängten Kreatur“ und dennoch die Hoffnung auf ein besseres Morgen, die Umsetzung des göttlichen im Menschen, das Neue Jerusalem das auf die Erde kommt. Bloch schrieb: „Wo Hoffnung ist, ist auch Religion“. Gerade auch bei Jesus im Neuen Testament ist die Hoffnung auf das Reich (als das kommende Paradies) sehr lebendig. Die Christen der ersten Stunde waren ur-kommunistisch organisiert und wollten das neue Jerusalem auf dieser Erde und haben - leider umsonst gewartet.

Sylla Kahl: Vielleicht hätten sie nicht warten, sondern das Reich errichten sollen...

Peter Erlanson: Ja, hinterher ist man/frau immer schlauer. Aber Scheitern und Enttäuschung kann auch aufklärend wirken, Grenzen und Widerstände werden aufgedeckt, Ziele vielleicht realistischer, aber auch klarer - vielleicht sogar radikaler! Niederlagen in Siege verwandeln hat Mao gesagt. Ich denke in dem Vergeblichen liegt auch immer ein Neuanfang. „Die Kritik der Religion enttäuscht den Menschen, damit er denke, handle, seine Wirklichkeit gestalte wie ein enttäuschter, zu Verstand gekommener Mensch, damit er sich um sich selbst und damit um seine wirkliche Sonne bewege. Die Religion ist nur die illusorische Sonne, die sich um den Menschen bewegt, solange er sich nicht um sich selbst bewegt.“
Die wirkliche Sonne, die wirklichen Menschen, der Kampf ums Paradies, das ist auch meine Sehnsucht, das ist, was wir den Latzels, den Vogels dieser Welt entgegensetzen müssen!

Sylla Kahl: Ich danke für dies interessante Gespräch.